American Football - Die Faszination


Nein, hier soll nicht die Rede sein vom Pathos, der diese amerikanische Nationalsportart umweht, von der mit Inbrunst intonierten Nationalhymne, von der Tradition des Grillfestes vor dem Spiel bis zur Marching Band in den Halbzeitpausen, von den krachenden Tackles, markigen Sprüchen und den Männlichkeitsritualen gegeneinanderdonnernder Helme, nicht von Show und Spektakel, von Ruhm und Geld, nicht einmal von den dauergrinsenden Cheerleaderinnen. Hier soll davon gesprochen werde, was für mich und vielleicht ja auch für einige andere Zuschauer die Faszination dieser Sportart ausmacht.

   Rasenschach   

Es gibt wohl keine andere Sportart, bei der dieses Wort so angebracht ist, wie American Football. Denn ganz entgegen dem chaotischen Eindruck, der sich einstellen mag, wenn nach dem Snap die Leiber von Offensive und Defensive Line aufeinanderprallen und sich ein Running Back mitsamt dem Ball versucht durch dieses Getümmel zu wühlen, ist jeder einzelne Spielzug bis ins Detail ausgearbeitet, hat jeder einzelne Spieler genaue Anweisungen erhalten, welche Funktion er zu erfüllen hat, von den Paßrouten der Wide Receiver, dem Blockschema der Ofensive Line bis zur Mann- oder Raumverteidigung im Defensive Backfield.
Und so ist dann neben der Fähigkeit der einzelnen Spieler, die Pläne so gut wie möglich umzusetzen, vor allem die klug ausgeklügelte Strategie des Trainerstabs entscheidend für Sieg oder Niedelage. Die Pläne des Gegners müssen durchschaut werden, die Aufstellung analysiert, Schwachstellen aufgespürt, der Gegner auf dem falschen Fuß erwischt werden.
Nichts verspricht mehr Erfolg als ein Paßversuch, wenn der Gegner felsenfest vom Lauf ausgeht, ein Übergewicht in der Linie, die es einem Verteidiger ermöglicht ungeblockt auf den Ballträger zuzuschießen, ein blockender Tight End, der sich plötzlich löst und zum ungedeckten Paßempfänger wird, mehrfache Ballübergaben, der Lauf eines Wide Receivers, der Paß eines Running Backs oder gar ein angetäuschtes Field Goal, bei dem der Holder den Ball in die Endzone trägt...
Und gleichzeitig kann nichts glorreicher scheitern als jeder dieser ambitionierten Trickspielzüge, wenn der Gegner den Plan durchschaut, den Ballträger für Raumverlust zu Boden bringt, eine Hand in die Flugbahn des Balles bringt oder den Ball im letzten Moment über die anstürmende Verteidigermeute noch auf den völlig freien Mitspieler paßt.

   Improvisation   

Doch jeder Spielzug kann noch so gut geplant sein, die Strategie noch so gewinnversprechend ausgebrütet. Tatsächlich entscheidet über Sieg oder Niederlage noch immer die Ausführung auf dem Rasen.
Und die wahrhaft herausragenden Spieler sind eben nicht nur in der Lage, exakt die Vorgaben der Trainer umzusetzen, sondern reagieren auf die Unwägsamkeiten des Spiels, lesen bereits vor dem Snap die gegnerische Formation richtig, lassen sich durch ein allzu plump ausgeführtes Täuschungsmannöver nicht blenden, lesen aus den Augen des Quarterbacks das Paßziel ab.
Insbesondere der Quarterback muß in seiner Funktion als Spielmacher des Angriffs in der Lage sein, den geplanten Spielzug noch an der Linie durch codierte Zurufe an seine Mitspieler (die sogenannten "Audibles") abzuändern oder unter großem Druck der auf ihn hereinstürzenden Verteidigung zu "scramblen", das heißt auszuweichen, alle Receiver im Blick zu behalten, um doch den freien Mann zu finden, zur Not lieber den Paß ins Aus zu werfen als Raumgewinn oder gar einen Ballverlust zu riskieren.
Und auch die herausragenden Running Backs sind solche, die nicht nur die von ihren Mitspielern geblockten Lücken zu Läufen auszunützen vermögen sondern durch ein, zwei Haken plötzlich an einer ganz anderen Stelle durch die Verteidigung brechen, Lücken dort zu finden vermögen, wo auf den ersten Blick gar keine sind.

   Kampf der Systeme   

Der letztjährige SuperBowl verkörperte in besonderen Maße die zwei unterschiedlichen Philosophien, in deren Spannungsfeld sich das Spiel bewegt: auf der einen Seite mit den Tennesse Titans eine von der Verteidigung dominierte Mannschaft mit extrem konservativer Strategie, die fast ausschließlich auf das Laufspiel setzt, mit risikoarmen Spielzügen Ballverluste vermeidet und (mit Ausnahme des RunningBacks Eddie George) über keine herausragenden Spieler auf Skill Positions verfügt sondern auf eine geschlossene Mannschaftsleistung setzt; auf der anderen Seite der Aufsteiger der Saison, die St. Louis Rams, die in jedem Spiel ein spektakuläres Offensivfeuerwerk abbrennen, angeführt vom besten Spielmacher der Liga, dem Shooting Star Kurt Warner und seiner Garde von schnellen, gefährlichen Wide Receivern, gleichermaßen getragen wie auch abhängig von der Leistung der dominierenden Stars.
Typisch war das Ende, das dieses Spiel nahm: Während Kurt Warner mit einem einzigen weiten Paß das gesamte Spielfeld überbrückte und seine St. Louis Rams im letzten Spielviertel in Führung brachte, verebbte die abschließende Angriffssequenz der Tennesse Titans, nach einem langem, langsamen aber scheinbar unaufhaltsam über das Feld rollenden Drive mit einem letzten soliden, risikoarmen Kurzpaß einen einzigen Yard vor der Endzone der Rams bei auslaufender Spieluhr.
Erneut hat es wie in den letzten Jahren keine Mannschaft ohne herausragenden Spielmacher und einer Offensive mit dem Potential zu entscheidenden "Big Plays" geschafft, den SuperBowl zu gewinnen. Trotz aller heimlicher Liebe vieler Durchschnittsamerikaner zum "hard working" disziplinierten, konsvervativen Stil, dominieren die raren genialen Ausnahmespielmacher und die ideenreichen, risikofreudigen Trainer den Sport um den eiförmigen Football.

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